(M)ein nicht ganz objek­tiver Fahrbe­richt

Thomas Richter

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Da steht er nun, schwarz… stylisch… zierlich… und genau da liegt das Problem, denn ich bin alles andere als zierlich, bringe stolze 100+ kg auf die Waage. Ob das eine so gute Idee war, heute mal vom Auto auf den E-Scooter umzusteigen? Zweifel beschleichen mich, doch abgemacht ist abgemacht. Ich habe spontan zugesagt, einmal ungefiltert ein paar Eindrücke vom Stadt­werke E-Roller in einem Fahrbe­richt zu schildern.

Die ersten Meter sind noch ein wenig wackelig, ich bin schwere Motor­räder gewöhnt, Sitzpo­sition und Handlichkeit des Rollers verun­si­chern mich. Meine Moped­zeiten liegen viele Jahre zurück, die, bläuliche Benzin­schwaden hinter sich herzie­henden Träume meiner Jugend hießen Zündapp, Kreidler oder Piaggio, viel Lärm – wenig Leistung, aber wir waren die Könige! Tuningstufe 1 seinerzeit: Wenn`s schon nicht schneller geht, dann zumindest lauter!

Dieser Roller ist anders, die gute Beschleu­nigung überrascht mich … Kein kreischendes Zweitakt­motörchen, das nur wider­willig Krach in zöger­liche Beschleu­nigung umsetzt. Vom Start weg geht`s sofort zügig zur Sache … und das absolut leise, bereits nach wenigen Metern übertönt der Fahrtwind das Surren des Elektro­motors. Irgendwie fühlt sich das richtig an, es gefällt mir, passt zu meinem heutigen Umwelt­be­wusstsein. Die Zeiten haben sich geändert – meine Freude an Mopeds definitiv nicht.

Mein Fahrstil wird schnell forscher, ich will ihn wieder fühlen, suche den unbeküm­merten Fahrspaß meiner Jugend… und muss schlag­artig umdenken! Viel zu flott gehe ich in die erste Kurve, der Scooter fährt sich zunächst doch etwas kippelig, er reagiert auf die kleinste Bewegung. Vor der nächsten Kurve erst einmal von den erlaubten 45 km/h, auf beruhi­gende 30 km/h herab­ge­bremst, den Spott der Kollegen, wenn ich den Roller zerlege, möchte ich mir dann doch ersparen.

Aha – mit weniger Enthu­si­asmus am Gasgriff fühle ich mich in Kurven gleich sicherer, taste mich langsam ran, werde routi­nierter, mein Blick hängt nicht mehr ununter­brochen kontrol­lierend im Rückspiegel, ob hinter mir schon ein genervter Autofahrer mangels Überhol­mög­lichkeit frustriert ins Lenkrad beißt.

Ich fahre einen Umweg, suche mir eine kurvige Strecke, lasse es verhalten angehen und so langsam kommen wir beide in Fluss, der Roller und ich werden eins, surfen auf einer sauberen Linie durch die Kurven, kein nervöses korri­gieren mehr, das kippelige Gefühl ist weg, die Autofahrer vor mir schaffen es auch nicht schneller durch die Kehren im Ittertal. In der 30er Zone bergauf ziehe ich, zugegeben nicht ganz geset­zes­konform, sogar davon. Ich bin jetzt seit 30 Minuten unterwegs und habe trotz Umwegen mein Ziel beinahe erreicht. In den Schau­fenstern der Nachbar­stadt ein prüfender Blick auf den Roller und mich … ein breites Grinsen … passt, wir sind jetzt schon Freunde.

Am Ziel angekommen macht sich Bedauern breit, zu gerne wäre ich noch ein paar Runden gefahren.

Lässig klappe ich den Seiten­ständer aus und lasse den E-Scooter zur Seite kippen, steige ab, so wie kein Italiener in den 50er Jahren hätte lässiger von seiner Vespa absteigen können und ich fühle mich prächtig. Einziger Wermuts­tropfen: Die Fahrt war einfach viel zu kurz. Ein Blick auf die „Tank“-Anzeige, der Akku ist locker noch zu ¾ geladen … ein Blick auf meine Smart­phone … die Herzal­ler­liebste kommt frühestens in einer halben Stunde heim … und morgen soll ich den E-Roller schon wieder abgeben, da wäre es doch nahezu sträflich, mir nicht noch ein paar Kilometer Spaß zu gönnen! Der Zündschlüssel steckt noch, ich rücke die Sonnen­brille zurecht, klappe den Seiten­ständer wieder ein … heute werde ich etwas später nach Hause kommen …

Autor: Thomas Richter.

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